Kunst am Bau: Wie aus dem optischen Blickfang ein handfester Investmentfaktor wird (c) Steinbrener/Dempf & Huber

Wenn es um das Thema ESG (environmental, social, governance, also Aspekte der ökologischen, sozialen und unternehmerischen Nachhaltigkeit) in der Immobilienwirtschaft geht, liegt der Fokus häufig auf Energie- und Umweltthemen. Aber auch das S für Social darf nicht vergessen werden. Ein wichtiges Feld ist die Kunst am Bau. Dabei handelt es sich um eine Förderung der Künste und Künstler durch immobilienbezogene Aufträge. Aber Kunst am Bau kann noch sehr viel mehr leisten als eine bloße Unterstützung der lokalen Künstlerschaft.

Raum, Architektur und Projekt

Mit Kunst am Bau kann vielmehr ein zusätzliches Bindeglied zwischen Gesellschaft und Architektur geschaffen werden. Oder anders gesagt: Sie kann Alleinstellungsmerkmale erzeugen und zur Positionierung der Immobilie beitragen. Denn ein Kunstwerk kann Profil verleihen und eine neue Sichtweise auf die Immobilie oder einen Stadtraum ermöglichen, die es sonst nicht gäbe.

Dafür muss sich das Werk mit dem Ort, der Nutzung sowie der Architektur auseinandersetzen und eine Haltung einnehmen. Entweder geht es darum, die vorhandene Wirkung zu verstärken – oder einen gezielten Gegenpol zu setzen. Kunst am Bau kann auffallen. Vielleicht macht sie aber bewusst das Gegenteil und verschmilzt unauffällig mit der Liegenschaft, sodass ein zweiter Blick erforderlich wird. Ob dies über ein Wandbild, ein Relief, eine Skulptur oder vielleicht auch Videokunst geschieht, hängt dabei von Fall zu Fall ab. Und ebenfalls davon, ob sich die Kunst am Bau an der Fassade oder auf dem Grundstück manifestiert. Je nach Auffassung darf sie auch über die Grundstücksgrenze hinaus mit der Umgebung des Projekts in den Dialog treten.

 

Kunst muss nicht im Widerspruch zur Funktionalität stehen

Das Prinzip ist keineswegs neu – in jeder Epoche wurden Gebäude kunstvoll verziert. Dabei muss die Kunst am Bau nicht im Widerspruch zur Funktionalität stehen. Das zeigt beispielsweise das in den 1960er-Jahren errichtete „Haus des Lehrers“ am Berliner Alexanderplatz. Im dritten und vierten Obergeschoss läuft ein 125 Meter langes und sieben Meter hohes Bildfries auf einer bandartigen Betonfläche um das Hochhaus herum. Das Betonband hat zweifellos eine starke Wirkung auf den Stadtraum und die Menschen, es war seinerzeit auch appellativ auf den Dialog angelegt. Dabei scheint der Bildträger aber eher zufällig an der gewählten Position auf dem Gebäude zu sein, so als hätte man das Band auch in einer anderen Höhe realisieren können. Tatsächlich ist die Position eine Antwort auf funktionelle Notwendigkeiten: Das dritte und vierte Obergeschoss sollten fensterlos sein, denn dort waren spezielle Bibliotheksräume geplant. Die massive Betonkunst tritt also genau am richtigen Ort auch in einen Dialog nach innen.

 

Das „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz in Berlin: Kunst am Bau aus den 1960er-Jahren; (c) shutterstock

 

Neben dem räumlich-architektonischen Bezug geht es bei Kunst am Bau natürlich immer auch um den Innovationsgrad und die Originalität des Kunstwerks – und im künstlerischen Kontext um die Singularität der Arbeit: um Machart oder Handwerk, möglicherweise um den Prozess der Herstellung.

Aber muss ein Werk dauerhaft sein, wenn der künstlerische Kontext und der vorgenannte Dialog gegeben sind? Beim Bau des „Althan Parks“ haben wir bei 6B47 ein Kunstwerk nur für die Bauphase installiert: Die Installation „Lunch Atop“ des Künstlertrios Steinbrener/Dempf & Huber zeigte fünf sitzende Figuren auf einem Stahlträger. Dieser ragte weithin sichtbar zwölf Meter über die Dachkante hinaus. Die Komposition erinnert an die berühmte Fotografie von Arbeitern, die beim Bau des Rockefeller-Centers in den 1930er-Jahren ihre Mittagspause auf einem Stahlträger in den Wolken verbringen. Die Installation stellte die Arbeiter in den Vordergrund – doch es ging uns auch darum, ein außergewöhnliches Immobilienprojekt auf einzigartige Weise zu präsentieren.

Die Installation „Lunch Atop“ des Künstlertrios Steinbrener/Dempf & Huber bei unserem Projekt „Althan Park“

 

Unter Aufsicht und Beobachtung

Kunst am Bau muss keineswegs immer schön sein beziehungsweise allen Betrachtern gefallen. Innovativ, aber nicht unbedingt ästhetisch im klassischen Sinne ist beispielsweise das Außenthermometer des UN-Klimasekretariats in Bonn: Dieses wirkt eher wie von dritter Hand spontan im Vorbeigehen an die Fassade gepinnt und weniger als ein Werkzeug, das vielleicht von den UN-Klimaprofis tatsächlich genutzt wird. Entsprechend zeigt das Kunstwerk nicht etwa an, dass die UN aus der Immobilie heraus die Erderwärmung im Blick hat. Es dürfte umgekehrt gerade aufgrund der Größe, Sichtbarkeit und Fremdheit anzeigen, dass die Menschen von außen das Klimasekretariat im Blick haben. Dass dort die UN und ihre Arbeit beobachtet werden. Die Gesellschaft als Aufsicht.

 

Nicht immer ist Schönheit die Intention: Am Gebäude des UN-Klimasekretariats in Bonn hängt dieses Kunstwerk; (c) shutterstock 

 

An der Fassade oder auf dem Grundstück ist Kunst am Bau in der Regel frei zugänglich oder zumindest frei sichtbar. Sie hat damit einen anderen Zugriff für die Menschen als Kunst im Museum oder in einer Ausstellung: Sie erreicht sowohl Menschen, die an Kunst interessiert sind, als auch Menschen, auf die dies nicht zutrifft. Man wird sich als Nutzer oder Passant mit dem Werk auseinandersetzen, das in den öffentlichen Raum wirkt. Man holt mit Kunst am Bau gleichsam das Museum in den Alltag. In manchen Städten wie Berlin ist über Jahrzehnte ein regelrechtes Netz aus Immobilien mit Kunst am Bau entstanden. Eine riesige Freiluftausstellung zeitgenössischer Kunst, die sich auf unzählige Orte verteilt.

 

Es geht nicht nur um ideelle Werte

Über die gesellschaftlichen Werte hinaus entstehen durchaus auch materielle Werte. Schließlich entstehen im Idealfall Kunstwerke, die auf dem freien Markt durchaus begehrt wären. Die ökonomische Beurteilung solcher Werke ist durch die mangelnde Transparenz des Kunstmarkts allerdings schwierig. Kunst am Bau ist dem Markt für einen bestimmten Zeitraum bewusst komplett entzogen. Bei Wertgutachten von Liegenschaften, die durch Kunst am Bau punkten, werden entsprechende Werke daher oft zu wenig gewürdigt. Kunstsachverständige hingegen haben den Wert einiger Kunstwerke am Bau bereits auf mehrere Millionen Euro beziffert. Zwar lässt sich ein entsprechendes Kunstwerk natürlich nicht eigenständig vermarkten, weshalb dieser theoretische Wert in der Praxis wahrscheinlich nicht vollumfänglich realisiert werden kann. Dennoch handelt es sich um einen wertbestimmenden Faktor für die Immobilie, vor allem dann, wenn die Kunstwerke über die Jahre hinweg gemäß den Regeln des Kunstmarkts weiter an Wert gewinnen.

Doch für Investoren entstehen durch Kunst am Bau weitere finanzielle Vorteile. Sie schafft Aufenthaltsqualität für all diejenigen, die in der Immobilie wohnen und/oder arbeiten. Zum einen kann das die Besucherfrequenz am jeweiligen Standort nachhaltig steigern, was wiederum Einzelhandels- oder Freizeitnutzungen innerhalb eines modernen Stadtquartiers zugutekommt. Dies lässt sich noch dadurch erweitern, dass auf dem Areal spezielle Kunst-Events organisiert werden – so wie wir dies 2019 als Location-Partner der Vienna Design Week im „Althan Quartier“ realisieren konnten. Zum anderen unterstreichen Kunst und Kultur auch Identifikationspotenziale bei Mietern, was letztlich zu einer höheren Standorttreue führt.

 

Genauso wichtig wie Flächeneffizienz

Übrigens: Auch bei der Messbarmachung von sozialer Nachhaltigkeit bei Immobilien ist Kunst am Bau nicht neu. Schon vor etwa zehn Jahren findet sich die Kunst am Bau in den frühen Katalogen von DGNB und ÖGNI als Indikator für die soziokulturelle Qualität von Bürogebäuden. Im DGNB-Katalog aus dem Jahr 2008 wird der Faktor Kunst am Bau genauso stark gewichtet wie beispielsweise die Flächeneffizienz innerhalb des Gebäudes.

All diese Aspekte zeigen, dass der Faktor Kunst am Bau als ESG-, aber auch als Investmentkriterium immer stärker an Relevanz gewinnt. Gerade in einer Zeit, in der die sozialen Mehrwerte von Immobilien immer kritischer hinterfragt werden, wäre es geradezu fatal, eine Projektentwicklung energetisch und ökologisch bis ins kleinste Detail zu optimieren – dabei aber den Blick für das Ästhetische zu verlieren. Denn weder Mieter noch Anwohner oder Investoren können sich lange an hässlichen Immobilien erfreuen.

 

Neues erschaffen, Bestehendes bewahren

Beim Thema Kunst und Kultur am Bau geht es allerdings um zweierlei: Der Ansatz, Neues zu schaffen und ungewöhnliche „Hingucker“ in Form einer Skulptur oder einer Fassadeninstallation zu realisieren, ist nur eine Seite der Medaille. Genauso wichtig ist es, bestehende architektonische Juwelen zu bewahren, beziehungsweise sie behutsam umzugestalten, sodass sie Teil einer ästhetischen und nachhaltigen Konversion werden. Beide Aspekte sind für uns als 6B47 wichtig – was auch die nachfolgenden Beiträge mit dem Künstler Martin Grandits sowie unsere Case Study zur Umnutzung von „Phil’s Place“ zeigen.

„Phil's Place“; (c) Stephan Huger